Autor: Carsten Franke, Fachapotheker für Allgemeinpharmazie, Homöopathie und Naturheilkunde, veröffentlicht am: 07.09.2026

Unser Immunsystem schützt uns vor Krankheitserregern und hilft dabei, geschädigte oder infizierte Zellen zu erkennen und zu beseitigen. Dafür muss es zwischen potenziell gefährlichen fremden Strukturen und körpereigenem Gewebe unterscheiden. Bei Autoimmunerkrankungen funktioniert diese Selbsttoleranz nicht vollständig: Bestandteile des adaptiven Immunsystems reagieren gegen körpereigene Strukturen und können dadurch Entzündungen und Gewebeschäden verursachen.[2, 3]
Wie relevant diese Erkrankungsgruppe ist, zeigt eine große Auswertung ambulanter Abrechnungsdaten gesetzlich Versicherter in Deutschland. Für das Jahr 2022 wurden Daten von mehr als 73 Millionen Versicherten ausgewertet. Bei rund 6,3 Millionen von ihnen war mindestens eine der 31 in der Studie berücksichtigten Autoimmundiagnosen dokumentiert. Das entsprach einer Prävalenz von 8,61 Prozent in der untersuchten Versichertenpopulation.[1]
Unsere Ratgeber zum Thema Autoimmunerkrankungen
Autoimmunerkrankungen können sehr unterschiedliche Organe und Gewebe betreffen. Bei der Hashimoto-Thyreoiditis steht die Schilddrüse im Mittelpunkt, bei Multipler Sklerose das zentrale Nervensystem und beim systemischen Lupus erythematodes können verschiedene Organsysteme betroffen sein. Daneben gibt es chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Psoriasis, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, die meist dem größeren Spektrum der immunvermittelten entzündlichen Erkrankungen zugerechnet werden. Ihre Krankheitsmechanismen überschneiden sich zum Teil mit klassischen Autoimmunerkrankungen, sind mit diesen aber nicht vollständig gleichzusetzen.[2,9–11]
Hashimoto-Thyreoiditis: Wenn die Schilddrüsenfunktion nachlassen kann

Müdigkeit, Frieren, trockene Haut, Verstopfung oder Gewichtszunahme können bei einer Schilddrüsenunterfunktion auftreten, sind für eine Hashimoto-Thyreoiditis jedoch nicht spezifisch. Die Erkrankung beruht auf einer Autoimmunreaktion gegen Schilddrüsengewebe. Im Verlauf kann dadurch die Hormonproduktion abnehmen und eine manifeste Schilddrüsenunterfunktion entstehen.[5]
Für die Diagnostik werden insbesondere die Schilddrüsenfunktion sowie – abhängig von der klinischen Situation – Schilddrüsenautoantikörper und Ultraschallbefunde beurteilt. Liegt eine behandlungsbedürftige Hypothyreose vor, wird die fehlende Hormonwirkung in der Regel mit Levothyroxin ersetzt.[5]
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Morbus Basedow: Wenn die Schilddrüse zu viele Hormone bildet

Herzklopfen oder Herzrasen, Gewichtsverlust, vermehrtes Schwitzen, Zittern und innere Unruhe gehören zu möglichen Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion. Beim Morbus Basedow spielen Autoantikörper gegen den TSH-Rezeptor eine zentrale Rolle. Stimulierende TSH-Rezeptor-Antikörper können den Rezeptor aktivieren und dadurch die Produktion von Schilddrüsenhormonen steigern.[6]
Bei einem Teil der Betroffenen kommt zusätzlich eine autoimmune Erkrankung der Augenhöhle hinzu, die sogenannte endokrine beziehungsweise Graves-Orbitopathie. Diagnose und Therapie richten sich nach der individuellen Ausprägung der Schilddrüsenerkrankung und einer möglichen Augenbeteiligung.
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Multiple Sklerose: Wenn Entzündungen das zentrale Nervensystem beeinträchtigen

Bei Multipler Sklerose, kurz MS, führen fehlregulierte Immunprozesse zu entzündlichen Veränderungen im zentralen Nervensystem. Betroffen sein können u. a. Myelin, Nervenzellfortsätze und weitere Strukturen des Gehirns, Rückenmarks und der Sehnerven.[7]
Mögliche Symptome sind beispielsweise Sehstörungen, Gefühlsstörungen, Muskelschwäche, Koordinations- oder Gangprobleme und ausgeprägte Fatigue. Welche Beschwerden auftreten, hängt wesentlich davon ab, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind.
Die MS-Diagnostik wurde in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Nach der aktuellen deutschen Living Guideline werden klinische Befunde insbesondere mit MRT-Befunden und – je nach diagnostischer Konstellation – Liquoruntersuchungen sowie weiteren paraklinischen Kriterien zusammengeführt.[7]
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Systemischer Lupus erythematodes: Eine systemische Autoimmunerkrankung

Der systemische Lupus erythematodes, kurz SLE, betrifft unterschiedliche Organsysteme. Häufig können beispielsweise Haut und Gelenke beteiligt sein; möglich sind darüber hinaus u. a. Manifestationen an Nieren, Herz, Lunge, Blut- beziehungsweise Immunsystem oder Nervensystem.[13]
Ausprägung und Verlauf unterscheiden sich erheblich zwischen einzelnen Betroffenen. Entsprechend werden Diagnostik, Verlaufskontrollen und Therapie individuell an Krankheitsaktivität und Organbeteiligung angepasst. Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie betont insbesondere die Prävention von Krankheitsschüben und bleibenden Organschäden.[13]
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Kreisrunder Haarausfall (Alopecia areata)

Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der plötzlich klar begrenzte kahle Stellen entstehen können. Erfahren Sie, warum die Haare ausfallen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wann die Haare wieder nachwachsen können.
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Psoriasis: Mehr als eine Hauterkrankung

Gerötete, meist scharf begrenzte und schuppende Hautveränderungen gehören zum typischen Erscheinungsbild der Psoriasis. Sie wird heute als chronisch-entzündliche, immunvermittelte Erkrankung verstanden und kann neben der Haut auch Nägel und Gelenke betreffen.[9]
Die Behandlung richtet sich u. a. nach Ausdehnung und Schweregrad, betroffenen Körperregionen, Begleiterkrankungen und der individuellen Belastung. Je nach Situation kommen lokale Behandlungen, Phototherapie sowie verschiedene systemische Medikamente einschließlich zielgerichteter Wirkstoffe und Biologika infrage.[9]
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Vitiligo: Wenn pigmentbildende Hautzellen verloren gehen

Bei Vitiligo entstehen helle bis weiße Hautareale, weil funktionsfähige Melanozyten – die pigmentbildenden Zellen der Haut – verloren gehen. Insbesondere die nichtsegmentale Vitiligo wird heute wesentlich durch autoimmune Mechanismen erklärt.[12]
Die Erkrankung ist nicht ansteckend. Sie verursacht zwar in der Regel keine körperlichen Schmerzen, kann Betroffene aufgrund der sichtbaren Hautveränderungen jedoch psychosozial erheblich belasten.[12]
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Colitis ulcerosa: Chronische Entzündung des Dickdarms

Die Colitis ulcerosa ist ebenfalls eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung. Im Unterschied zu Morbus Crohn ist die Entzündung auf den Dickdarm begrenzt und betrifft typischerweise die Darmschleimhaut. Sie beginnt in der Regel im Rektum und dehnt sich unterschiedlich weit über den Dickdarm aus.[11, 16]
Häufige Beschwerden während eines Schubs sind blutige oder schleimig-blutige Durchfälle, Bauchkrämpfe und starker Stuhldrang. Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrollen richten sich unter anderem nach Ausdehnung, Krankheitsaktivität, Therapieansprechen und individuellen Risikofaktoren.[11]
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Morbus Crohn: Chronische Entzündungen im Verdauungstrakt

Morbus Crohn ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung. Die Entzündung betrifft grundsätzlich unterschiedliche Abschnitte des Verdauungstraktes vom Mund bis zum After und tritt oft abschnittsweise auf. Besonders häufig ist der Übergangsbereich zwischen Dünn- und Dickdarm betroffen.[10, 15]
Typische Beschwerden sind Bauchschmerzen und Durchfälle; auch Gewichtsverlust, Fatigue, Fieber oder Beschwerden außerhalb des Darms können auftreten. Die Diagnose ergibt sich nicht aus einem einzelnen Test, sondern aus der Zusammenschau klinischer Befunde, Labor- und Stuhluntersuchungen, Endoskopie mit Gewebeproben sowie – abhängig von der Situation – Sonografie oder Schnittbildverfahren.[10]
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Was sind Autoimmunerkrankungen?
Das Immunsystem muss Krankheitserreger und andere potenzielle Gefahren erkennen und gleichzeitig körpereigene Strukturen tolerieren. Dafür existieren mehrere Mechanismen der zentralen und peripheren Immuntoleranz.
Bei Autoimmunerkrankungen reichen diese Kontrollmechanismen nicht aus, um krankheitsrelevante autoreaktive Immunantworten zu verhindern. T-Lymphozyten und B-Lymphozyten können gegen körpereigene Zielstrukturen reagieren. Bei verschiedenen Erkrankungen entstehen außerdem Autoantikörper. Je nach Krankheitsmechanismus verursachen solche Immunreaktionen Entzündungen, Funktionsstörungen und strukturelle Gewebeschäden.[2, 3]
Dabei ist wichtig: Autoantikörper allein beweisen nicht automatisch das Vorliegen einer Autoimmunerkrankung. Bedeutung und Aussagekraft unterscheiden sich erheblich zwischen den verschiedenen Antikörpern. Manche Autoantikörper können auch bei klinisch gesunden Menschen nachweisbar sein. Deshalb werden Laborbefunde immer im Zusammenhang mit Beschwerden, Untersuchungsergebnissen und der jeweiligen Erkrankungswahrscheinlichkeit bewertet.
Organspezifisch oder systemisch: Wo richtet sich die Immunreaktion hin?
Zur Orientierung lassen sich Autoimmunerkrankungen vereinfacht danach unterscheiden, ob überwiegend ein bestimmtes Organ beziehungsweise Gewebe betroffen ist oder mehrere Organsysteme beteiligt sein können. Diese Einteilung ist hilfreich, bildet die biologischen Unterschiede zwischen den Erkrankungen aber nicht vollständig ab.[2]
Bei organspezifischen Autoimmunerkrankungen steht ein Organ oder Zelltyp im Vordergrund. Beispiele sind:
- Hashimoto-Thyreoiditis mit Beteiligung der Schilddrüse
- Morbus Basedow mit Autoantikörpern gegen den TSH-Rezeptor
- Typ-1-Diabetes mit immunvermittelter Zerstörung insulinproduzierender Betazellen
- Vitiligo, insbesondere die nichtsegmentale Form, mit Verlust von Melanozyten
Systemische Autoimmunerkrankungen können dagegen verschiedene Gewebe und Organe betreffen. Ein wichtiges Beispiel ist der systemische Lupus erythematodes.[13]
Autoimmun oder immunvermittelt – wo liegt der Unterschied?
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird „Autoimmunerkrankung“ häufig sehr weit verwendet. Medizinisch ist eine genauere Unterscheidung sinnvoll.
Bei klassischen Autoimmunerkrankungen lässt sich eine fehlgeleitete adaptive Immunreaktion gegen körpereigene Zielstrukturen nachweisen oder aufgrund der Gesamtheit der Befunde überzeugend ableiten. Dabei können T-Zellen, B-Zellen und Autoantikörper in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt sein. Eine Autoimmunerkrankung ist deshalb nicht automatisch eine ausschließlich autoantikörpervermittelte Erkrankung.[2]
Psoriasis sowie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden häufig als immunvermittelte entzündliche Erkrankungen bezeichnet. Auch hier ist das Immunsystem wesentlich an der Entzündung beteiligt. Die Mechanismen umfassen jedoch komplexe Wechselwirkungen der angeborenen und adaptiven Immunabwehr, genetischer Faktoren, Gewebebarrieren und – insbesondere bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen – mikrobieller und weiterer Umweltfaktoren.[9–11]
Wie häufig sind Autoimmunerkrankungen?
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung analysierte die ambulanten Abrechnungsdaten von 73.241.305 gesetzlich Versicherten, die im Jahr 2022 mindestens einmal ambulant ärztlich behandelt worden waren.[1]
Bei 6.307.120 Personen war mindestens eine der 31 untersuchten Autoimmundiagnosen in der für die Studie definierten Weise dokumentiert. Dies entsprach einer rohen Prävalenz von 8,61 Prozent. Von den Personen mit mindestens einer solchen Diagnose waren 67 Prozent weiblich.[1]
Zu den in dieser Studie am häufigsten dokumentierten Diagnosen gehörten:
| Diagnose | Anteil an der untersuchten Versichertenpopulation 2022 | Vorwiegend betroffen |
| Autoimmune Thyreoiditis | 2,3 % | Schilddrüse |
| Psoriasis | 1,9 % | vor allem Haut; auch Nägel und Gelenke möglich |
| Rheumatoide Arthritis | 1,4 % | vor allem Gelenke |
| Typ-1-Diabetes | 0,75 % | insulinproduzierende Betazellen |
Bei der Interpretation sind mehrere Einschränkungen wichtig: Es handelt sich um administrative Abrechnungsdaten gesetzlich Versicherter und nicht um eine klinische Reihenuntersuchung der gesamten deutschen Bevölkerung. Außerdem folgte die Studie einer festgelegten Auswahl und Klassifikation von 31 Erkrankungen. Die Zahlen können deshalb nicht ohne Weiteres auf sämtliche denkbaren Autoimmun- oder immunvermittelten Erkrankungen beziehungsweise jede Bevölkerungsgruppe übertragen werden.[1]
Auch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sind in Deutschland häufig. Aktuelle Gesundheitsinformationen des Bundes gehen auf Grundlage epidemiologischer Schätzungen von ungefähr 250.000 Menschen mit Morbus Crohn und etwa 400.000 Menschen mit Colitis ulcerosa aus.[15, 16]
Warum entstehen Autoimmunerkrankungen?
Eine einzelne, für alle Autoimmunerkrankungen gültige Ursache gibt es nicht. Nach heutigem Verständnis entsteht Autoimmunität aus einem komplexen Zusammenspiel genetischer Veranlagung, Veränderungen der Immunregulation sowie krankheitsspezifischer Umwelt- und Lebensstilfaktoren.[2]
Welche Faktoren tatsächlich relevant sind und wie stark sie das Erkrankungsrisiko beeinflussen, unterscheidet sich erheblich zwischen einzelnen Krankheiten.
Gene können die Anfälligkeit erhöhen
Für zahlreiche Autoimmunerkrankungen sind genetische Risikovarianten bekannt. Häufig betreffen sie Gene, die beispielsweise Antigenpräsentation, Aktivierung und Regulation von Immunzellen oder entzündliche Signalwege beeinflussen.[2]
Vererbt wird deshalb in den meisten Fällen nicht einfach „die Autoimmunerkrankung“. Vielmehr können Menschen eine erhöhte genetische Anfälligkeit besitzen. Ob tatsächlich eine Erkrankung entsteht, hängt von weiteren biologischen und äußeren Faktoren ab.
Eine familiäre Häufung bedeutet daher weder, dass Angehörige zwangsläufig ebenfalls erkranken, noch lässt sich aus der Familiengeschichte allein zuverlässig vorhersagen, wer eine Autoimmunerkrankung entwickeln wird.
Warum sind viele Autoimmunerkrankungen bei Frauen häufiger?
Viele, aber keineswegs alle Autoimmunerkrankungen treten häufiger bei Frauen auf. In der deutschen Versichertenstudie war bei 25 der 31 untersuchten Diagnosen die dokumentierte Prävalenz bei Frauen höher. Besonders ausgeprägt war der Unterschied beispielsweise bei der Autoimmunthyreoiditis und beim systemischen Lupus erythematodes.[1]
Die Ursachen dieses Geschlechterunterschieds sind nicht vollständig geklärt. Untersucht werden u. a.:
- Wirkungen von Sexualhormonen auf Immunzellen
- Gene und immunologische Regulationsmechanismen auf dem X-Chromosom
- Besonderheiten der X-Chromosom-Inaktivierung
- epigenetische Mechanismen
- Unterschiede in Immunantworten und Umweltinteraktionen.[4]
Die derzeitige Forschung spricht für ein multifaktorielles Zusammenspiel und nicht für eine einzelne universelle Erklärung.[4]
Welche Rolle spielen Infektionen, Rauchen und andere Umweltfaktoren?
Umweltfaktoren sind krankheitsspezifisch zu betrachten. Für verschiedene Autoimmun- und immunvermittelte Erkrankungen wurden Zusammenhänge mit Infektionen, Tabakrauch, bestimmten Medikamenten, UV-Strahlung oder anderen Expositionen untersucht.[2]
Besonders stark ist inzwischen die epidemiologische Evidenz für einen Zusammenhang zwischen einer vorausgegangenen Epstein-Barr-Virus-Infektion und Multipler Sklerose. EBV gilt als zentraler beziehungsweise sehr starker Risikofaktor in der MS-Pathogenese. Wie die Infektion zusammen mit genetischer Anfälligkeit und weiteren Faktoren zur Erkrankung beiträgt, wird weiterhin intensiv erforscht.[8]
Diese starke Assoziation bedeutet nicht, dass eine EBV-Infektion allein zwangsläufig MS auslöst: Die große Mehrheit der mit EBV infizierten Menschen entwickelt keine Multiple Sklerose.
Auch Rauchen ist für verschiedene immunvermittelte Erkrankungen relevant. Bei Morbus Crohn ist Tabakkonsum u. a. mit einem ungünstigeren Krankheitsverlauf und einem höheren Rückfallrisiko verbunden.[10, 15]
Welche Symptome können bei Autoimmunerkrankungen auftreten?
Es gibt kein einheitliches Beschwerdebild für Autoimmunerkrankungen. Die Symptome richten sich wesentlich danach, welche Organe oder Gewebe betroffen sind.
Einige Erkrankungen beginnen mit relativ unspezifischen Beschwerden, andere führen früh zu charakteristischen Organveränderungen.
Mögliche Beschwerden können – abhängig von der Erkrankung – beispielsweise sein:
- ausgeprägte oder anhaltende Erschöpfung
- Fieber oder erhöhte Temperatur bei entzündlicher Krankheitsaktivität
- Gelenkschmerzen oder Gelenkschwellungen
- entzündliche oder andere auffällige Hautveränderungen
- länger anhaltende Verdauungsbeschwerden
- wiederkehrende oder blutige Durchfälle
- nicht anderweitig erklärte Gewichtsveränderungen
- Muskelschwäche
- Taubheitsgefühle oder Kribbeln
- Sehstörungen oder andere neurologische Beschwerden
- ausgeprägte Mund- oder Augentrockenheit
- Zeichen einer gestörten Schilddrüsenfunktion
Keine dieser Beschwerden beweist für sich allein eine Autoimmunerkrankung. Viele Symptome treten deutlich häufiger bei anderen Erkrankungen oder vorübergehenden gesundheitlichen Problemen auf.
Anhaltende, wiederkehrende oder zunehmende Beschwerden sollten deshalb medizinisch abgeklärt werden, anstatt daraus selbst eine Autoimmunerkrankung abzuleiten.
Wie werden Autoimmunerkrankungen diagnostiziert?
Einen einzelnen universellen „Autoimmun-Test“ gibt es nicht. Die Diagnostik richtet sich nach der vermuteten Erkrankung und den betroffenen Organen.[2]
Am Anfang stehen in der Regel eine ausführliche Krankengeschichte und eine körperliche Untersuchung. Daraus ergibt sich, welche weiteren Untersuchungen sinnvoll sind.
Blutwerte und Autoantikörper können wichtige Hinweise liefern
Laboruntersuchungen können beispielsweise umfassen:
- Blutbild
- Entzündungsparameter
- Organfunktionswerte
- Hormonwerte
- krankheitsspezifische Autoantikörper
Welche Autoantikörper sinnvoll sind, hängt von der konkreten Verdachtsdiagnose ab. Bei einer Autoimmunthyreoiditis sind andere Laborparameter relevant als bei Morbus Basedow oder systemischem Lupus erythematodes.
Ein positiver Autoantikörperbefund ist nicht in jedem Fall gleichbedeutend mit einer Diagnose. Umgekehrt schließt das Fehlen einzelner Autoantikörper eine Autoimmunerkrankung nicht grundsätzlich aus.
Bildgebung, Endoskopie und Gewebeuntersuchungen
Je nach vermuteter Erkrankung können weitere Verfahren erforderlich sein, beispielsweise:
- Ultraschall
- Magnetresonanztomografie
- Röntgen- oder andere bildgebende Verfahren
- Endoskopie
- Gewebeproben
- Untersuchungen des Nervenwassers.
Bei Multipler Sklerose werden heute klinische und bildgebende Kriterien mit weiteren paraklinischen Befunden kombiniert. Die 2026 aktualisierte deutsche Leitlinie berücksichtigt dabei die neueren diagnostischen Kriterien und unter anderem MRT- sowie Liquorbefunde.[7]
Beim Morbus Crohn ergibt sich die Diagnose ebenfalls aus einer Zusammenschau verschiedener Befunde. Die S3-Leitlinie nennt klinische Kriterien, Endoskopie, sonografische beziehungsweise radiologische Verfahren und die histopathologische Untersuchung von Gewebeproben als wesentliche Bestandteile.[10]
Wie werden Autoimmunerkrankungen behandelt?

Bild: triloks – Getty Images Signature (Canva)
Eine einheitliche Therapie gegen „Autoimmunerkrankungen“ existiert nicht. Die Behandlung hängt von Erkrankung, Krankheitsaktivität, betroffenen Organen, möglichen Begleiterkrankungen, bisherigen Therapien und der individuellen Situation ab.[2]
Je nach Erkrankung können unterschiedliche Ziele im Vordergrund stehen:
- Entzündungsaktivität reduzieren
- fehlgeleitete Immunreaktionen beeinflussen
- Krankheitsschübe verhindern
- irreversible Gewebe- oder Organschäden vermeiden
- Beschwerden lindern
- Organfunktionen erhalten oder ersetzen
- Lebensqualität verbessern
Dazu stehen je nach Erkrankung beispielsweise entzündungshemmende Medikamente, klassische Immunsuppressiva, Immunmodulatoren, zielgerichtete kleine Moleküle und Biologika zur Verfügung.[2, 7, 9–13]
Welche Therapie eingesetzt wird, lässt sich deshalb nicht sinnvoll allein aus der Bezeichnung „Autoimmunerkrankung“ ableiten.
Manchmal muss eine verlorene Funktion ersetzt werden
Bei einigen Erkrankungen steht nicht primär eine dauerhafte Immunsuppression im Mittelpunkt.
Hat eine Hashimoto-Thyreoiditis beispielsweise zu einer behandlungsbedürftigen Schilddrüsenunterfunktion geführt, wird in der Regel das fehlende Schilddrüsenhormon mit Levothyroxin ersetzt.[5]
Ein ähnliches Prinzip gilt auch bei anderen Autoimmunerkrankungen, bei denen Gewebe dauerhaft Funktionsfähigkeit verloren hat: Zusätzlich zur Beeinflussung des Krankheitsprozesses kann der Ersatz einer fehlenden Körperfunktion notwendig sein.
Antigenspezifische Therapien: ein Forschungsgebiet mit großem Interesse
Ein wichtiges Ziel der Autoimmunforschung besteht darin, krankheitsverursachende autoreaktive Immunantworten möglichst gezielt auszuschalten oder Toleranz gegenüber bestimmten Autoantigenen wiederherzustellen, ohne die gesamte schützende Immunabwehr zu unterdrücken.[14]
Verschiedene antigenspezifische Ansätze werden deshalb experimentell und klinisch untersucht. Trotz erheblicher Fortschritte gehören solche Verfahren für die meisten Autoimmunerkrankungen noch nicht zur routinemäßigen Standardversorgung.[14]
Leben mit einer Autoimmunerkrankung: Was Betroffene beachten können
Viele Autoimmun- und immunvermittelte Erkrankungen verlaufen chronisch und benötigen langfristige medizinische Betreuung.
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen können abhängig von Erkrankung und Therapie dazu dienen:
- Krankheitsaktivität einzuschätzen
- Organfunktionen zu überwachen
- Komplikationen frühzeitig zu erkennen
- mögliche Nebenwirkungen einer Behandlung zu kontrollieren
Wie häufig Untersuchungen erforderlich sind, richtet sich nach der jeweiligen Erkrankung und Therapie.
Vorsicht bei „Autoimmun-Diäten“ und Heilversprechen
Eine allgemeine „Autoimmun-Diät“, die unterschiedliche Autoimmunerkrankungen nachweislich heilt, gibt es nach derzeitigem Forschungsstand nicht. Spezifische Eliminationskonzepte wie das sogenannte Autoimmune Protocol werden zwar untersucht, die klinische Evidenz ist bislang begrenzt und reicht nicht für ein allgemeines Heilversprechen aus.[17]
Das bedeutet allerdings nicht, dass Ernährung bei Autoimmunerkrankungen grundsätzlich unwichtig wäre. Ernährungsempfehlungen sind krankheitsspezifisch. Bei bestimmten Erkrankungen kann Ernährung sogar ein zentraler Bestandteil der Behandlung sein. Ein Beispiel ist die Zöliakie, bei der eine lebenslange strikt glutenfreie Ernährung die etablierte Therapie darstellt.[18]
Bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa können Ernährungsempfehlungen wiederum von Krankheitsaktivität, Ernährungszustand, Verträglichkeit, Komplikationen und konkreter Therapie abhängen.[10, 11]
Stark restriktive Diäten sollten insbesondere bei chronischen Erkrankungen nicht unkritisch begonnen werden, da sie u. a. das Risiko einer unzureichenden Nährstoffversorgung erhöhen können.
Bewegung, Schlaf und Rauchverzicht

Bild: BartekSzewczyk – Getty Images Pro (Canva)
Regelmäßige körperliche Aktivität, ausreichender Schlaf, Rauchverzicht und Maßnahmen zur Förderung des allgemeinen Wohlbefindens sind für die allgemeine Gesundheit sinnvoll.
Welchen zusätzlichen Einfluss einzelne Lebensstilmaßnahmen auf die Aktivität einer bestimmten Autoimmunerkrankung haben, lässt sich jedoch nicht pauschal beantworten.
Solche Maßnahmen ersetzen keine krankheitsspezifische Therapie.
Auch Nahrungsergänzungsmittel sollten nicht automatisch als „immunregulierend“ oder therapeutisch wirksam angesehen werden. Insbesondere hoch dosierte Präparate können Nebenwirkungen und Wechselwirkungen verursachen. Ihre Einnahme sollte bei bestehenden Erkrankungen und regelmäßiger Medikation gegebenenfalls ärztlich oder pharmazeutisch abgeklärt werden.

FAQ: Häufige Fragen zu Autoimmunerkrankungen
Was ist eine Autoimmunerkrankung?
Bei einer Autoimmunerkrankung richtet sich eine fehlregulierte Immunreaktion gegen körpereigene Strukturen. Autoreaktive T- und B-Lymphozyten sowie – je nach Erkrankung – Autoantikörper können zu Entzündungen, Funktionsstörungen und Gewebeschäden beitragen.[2, 3]
Welche Autoimmunerkrankungen sind besonders häufig?
In einer großen deutschen Untersuchung ambulanter Abrechnungsdaten gehörten Autoimmunthyreoiditis, Psoriasis, rheumatoide Arthritis und Typ-1-Diabetes zu den am häufigsten dokumentierten Diagnosen innerhalb des untersuchten Krankheitsspektrums.[1]
Dabei ist zu beachten, dass Psoriasis meist präziser als immunvermittelte entzündliche Erkrankung beschrieben wird und die Studie ihrer eigenen Klassifikation folgte.
Sind Autoimmunerkrankungen erblich?
Genetische Faktoren beeinflussen das Risiko vieler Autoimmunerkrankungen. Meist wird jedoch keine Erkrankung nach einem einfachen Vererbungsmuster weitergegeben. Vererbt werden können vielmehr genetische Varianten, die die Anfälligkeit erhöhen.[2]
Ob eine Erkrankung tatsächlich entsteht, hängt von weiteren Faktoren ab.
Warum sind viele Autoimmunerkrankungen bei Frauen häufiger?
Biologische Geschlechtsunterschiede in der Immunregulation werden unter anderem mit Sexualhormonen, X-chromosomalen Genen, X-Chromosom-Inaktivierung und epigenetischen Mechanismen in Verbindung gebracht.[4]
Die Unterschiede sind jedoch krankheitsspezifisch und bislang nicht durch eine einzige Ursache erklärbar.
Sind Autoimmunerkrankungen ansteckend?
Nein. Eine Autoimmunerkrankung selbst wird nicht von Mensch zu Mensch übertragen.
Infektionen können bei einzelnen Erkrankungen zwar als Risikofaktor oder möglicher Trigger eine Rolle spielen. Das bedeutet aber nicht, dass die daraus möglicherweise entstehende Autoimmunerkrankung ansteckend wäre.
Auch Psoriasis und Vitiligo sind nicht ansteckend.
Welche Ärztin oder welcher Arzt behandelt Autoimmunerkrankungen?
Das richtet sich nach der jeweiligen Erkrankung. Beteiligt sein können beispielsweise:
- Hausärztinnen und Hausärzte
- Endokrinologinnen und Endokrinologen
- Rheumatologinnen und Rheumatologen
- Neurologinnen und Neurologen
- Dermatologinnen und Dermatologen
- Gastroenterologinnen und Gastroenterologen
Bei systemischen oder komplexen Erkrankungen ist häufig eine interdisziplinäre Betreuung sinnvoll.
Heilt eine spezielle Ernährung Autoimmunerkrankungen?
Eine allgemeine Ernährungsform, die unterschiedliche Autoimmunerkrankungen nachweislich heilt, ist nicht belegt.[17]
Ernährung kann dennoch therapeutisch wichtig sein und muss krankheitsspezifisch betrachtet werden. Bei Zöliakie beispielsweise ist eine lebenslange glutenfreie Ernährung die etablierte Behandlung.[18]
Heilversprechen für sogenannte „Autoimmun-Diäten“, Detox-Programme oder Nahrungsergänzungsmittel sollten deshalb kritisch geprüft werden.
Können mehrere Autoimmunerkrankungen gleichzeitig auftreten?
Ja. Bei einzelnen Menschen können mehrere Autoimmunerkrankungen gleichzeitig oder nacheinander auftreten. Bestimmte Autoimmunerkrankungen sind mit einem erhöhten Risiko für weitere autoimmune Erkrankungen assoziiert.[2]
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Person mit einer Autoimmunerkrankung zwangsläufig weitere entwickelt.
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Coverbild: Bild: PEAKSTOCKSCIENCE PHOTO LIBRARY – sciencephoto (Canva)
Quellen
Zitationsweise: nummeriertes Vancouver-System; Stand der Recherche: 31.08.2026.
[1] Akmatov MK, Kohring C, Pessler F, Holstiege J. Sex-specific and regional differences in the prevalence of diagnosed autoimmune diseases in Germany, 2022. Research in Health Services & Regions. 2025;4:3. doi:10.1007/s43999-025-00061-5.
[2] Song Y, Li J, Wu Y. Evolving understanding of autoimmune mechanisms and new therapeutic strategies of autoimmune disorders. Signal Transduction and Targeted Therapy. 2024;9:263. doi:10.1038/s41392-024-01952-8.
[3] Song Y, Li J, Wu Y. Correction: Evolving understanding of autoimmune mechanisms and new therapeutic strategies of autoimmune disorders. Signal Transduction and Targeted Therapy. 2025;10:426. doi:10.1038/s41392-025-02525-z.
[4] van Drongelen V, Rew J, Billi AC. Sex bias in autoimmunity: new findings and new opportunities. JID Innovations. 2025;5(5):100391. doi:10.1016/j.xjidi.2025.100391.
[5] Klubo-Gwiezdzinska J, Wartofsky L. Hashimoto thyroiditis: an evidence-based guide to etiology, diagnosis and treatment. Polish Archives of Internal Medicine. 2022;132(3):16222. doi:10.20452/pamw.16222.
[6] Gao Y, Qiu L, Yu S, Cheng X. Thyroid stimulating receptor autoantibodies. Clinica Chimica Acta. 2024;559:119700. doi:10.1016/j.cca.2024.119700.
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[10] Sturm A, Atreya R, Bettenworth D, et al. Aktualisierte S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Morbus Crohn“ der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Version 4.1 – Living Guideline. Zeitschrift für Gastroenterologie. 2024;62(8):1229–1318. doi:10.1055/a-2309-6123. AWMF-Registernummer 021-004.
[11] Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und beteiligte Fachgesellschaften. S3-Leitlinie Colitis ulcerosa. Version 7.0. AWMF-Registernummer 021-009. Stand 2025; veröffentlicht November 2025. Abgerufen am 31.08.2026.
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[13] Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie und beteiligte Fachgesellschaften. Management des systemischen Lupus erythematodes mit sekundärem Antiphospholipid-Syndrom, Kinderwunsch und Schwangerschaft. S3-Leitlinie, Version 1.2. AWMF-Registernummer 060-008. Stand 01.04.2025; gültig bis 31.03.2030. Abgerufen am 31.08.2026.
[14] Buckner JH. Antigen-specific immunotherapies for autoimmune disease. Nature Reviews Rheumatology. 2025;21:88–97. doi:10.1038/s41584-024-01201-w.









